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Vorteile eines blinden Audio-engineers

Die Musik- und Audio-Produktion ist mittlerweile eine sehr visuelle Sache geworden.
Das eigentliche hinhören geht dabei immer mehr verloren.
Als blinder Audio-Engineer hat man aus diesem Grund einige Vorteile gegenüber den sehenden Kollegen.
Mehr dazu in diesem Beitrag.

Im Folgenden gehe ich auf einige Situationen ein, in denen blinde Audio-Engineers gegenüber ihren sehenden Kollegen meiner Meinung nach im Vorteil sind.

Beim Equalizer-Einsatz

Viele Equalizer verfügen über wunderschöne grafische Anzeigen, die die Frequenz-Bearbeitungen des EQ grafisch darstellen.
Das verleitet natürlich schon dazu, eine möglichst schöne EQ-Kurve zu erstellen.
Vernachlässigt wird hier nur leider der Klang, da eine grafisch schön aussehende Equalizer-Kurve nicht automatisch auch schön klingt.

Als blinder Audio-Engineer hat man in diesem Fall den großen Vorteil, dass man die Kurve eines Equalizers nicht sieht.
Somit ist man beim Einstellen des EQ gezwungen hin zu hören und lässt sich bei der Beurteilung des Klangs nicht von grafischen Equalizer-Kurven beeinflussen.

Ich nutze am liebsten Equalizer, die ich mit dem Avid Artist-Mix steuern kann.
So kann ich schnell und effizient mit EQs arbeiten und lasse mich nicht von den Parameter-Werten beeinflussen, die mir der Screen-Reader, in meinem Fall VoiceOver, ausgibt.

Bei dieser Art des Umgangs mit einem EQ wähle ich oft etwas andere Einstellungen, als ich sie gewählt hätte, wenn ich die Parameter mit Hilfe von VoiceOver eingestellt hätte.
Das bringt mich meistens schneller zu besseren Ergebnissen.

Beim Kompressor-Einsatz

Kompressoren sind auch so eine Sache.
Sie verfügen zwar meistens über weniger Anzeige-Möglichkeiten als ein EQ, werden aber von einigen sehenden Kollegen trotzdem gern mal etwas mehr nach visuellen statt nach klanglichen Aspekten eingestellt.

Da der visuelle Aspekt für einen blinden Audio-Engineer in Sachen Kompressor natürlich ebenfalls hinfällig ist, muss auch hier ausschließlich mit den Ohren gearbeitet werden.

Natürlich kann man via VoiceOver die verschiedenen Parameter-Werte anschauen und verändern.
Ich nutze aber auch hier gerne den Artist-Mix zur Steuerung.
Zumindest für die folgenden Parameter:

  • Threshold
  • Attack
  • Release
  • Output-Gain

Die Ratio stelle ich meistens via VoiceOver ein.

Die Bearbeitung mittels Kompressor lässt sich gut beurteilen, in dem man den Kompressor zwischen Bypass und Unbypass hin und her schaltet.
So merkt man zum Einen gut, wie stark der Kompressor komprimiert und zum Anderen kann man das komprimierte Signal mit dem unkomprimierten Signal vergleichen.
Dabei muss man den Output-Gain allerdings anheben, so dass beide Signale gleich laut wahrgenommen werden.
Ansonsten würde das lautere Signal von unserem Gehör immer als besser wahrgenommen werden.

Die beiden Beispiele der Audio-Prozessoren Equalizer und Kompressor lassen sich natürlich auch noch auf einige weitere Plug-Ins anwenden.
Ich belasse es aber an dieser Stelle erst ein mal hierbei und gehe zum nächsten Punkt über.

Die Bedienung via Maus

Diese fällt für VoiceOver-Nutzer natürlich weg.
Das hat den großen Vorteil, dass man als blinder Audio-Engineer in Sachen Bedienung der DAW auf Shortcuts setzen muss.
Das erhöht die Arbeitsgeschwindigkeit enorm.

Natürlich arbeiten die meisten sehenden Pro-User, wenn möglich, auch mit Shortcuts.
Es gibt aber auch immer wieder Nutzer, die sehr viel mit der Maus arbeiten und dadurch eine wesentlich niedrigere Arbeits-Geschwindigkeit als die Shortcut-User erreichen.
Das gild natürlich nicht nur für die Bedienung der DAW, sondern für die gesamte Bedienung des Rechners.

Das sind natürlich lang nicht alle Vorteile, die man als blinder Audio-Engineer hat.
Ich denke aber, dass die aufgezeigten Situationen einen guten Einblick geben und hoffe, dass sie dem Einen oder Anderen Kollegen die Ohren öffnen. ;)

Anmerken möchte ich, dass ich die Arbeit meiner sehenden Kollegen keines Wegs schlecht reden möchte.
Von einigen weiss ich, dass ihnen bewusst ist, dass sie manchmal etwas zu viel mit den Augen hören. ;)
Daher schließen sie auch ab und zu mal die Augen und konzentrieren sich nur auf das Hören.
Das finde ich super, denn am Ende des Tages geht es doch immer um den Sound.

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